web2.0 overkill

Web2.0 MashupKürzlich fragte mich ein Freund und langjähriger Geschäftspartner, ob ich Interesse hätte, an einem Projekt mitzuarbeiten. Klar. Warum nicht? Um was für ein Projekt handelt es sich denn? Entwickelt würde eine neuartige Community. Nach dem Vorbild StudiVZ, XING und anderen, nur mit noch mehr cooler Features, speziell auf die Zielgruppe abgestimmt, die Zielgruppe könne so eine Community sehr gut gebrauchen. Klingt sehr viel versprechend.

Ich stelle fest: Dieser Web2.0-Boom bestimmt mein Leben, wie kein Trend je zuvor. Neue Plattformen werden im Tagesrhythmus „relaunched“, jeder neu geschaffene Dienst bietet das (vermeidlich) schon immer herbeigesehnte und ist die Lösung vieler Probleme. Die neuartige Vernetzung vieler Millionen Menschen bringt viele neue Möglichkeiten – aber auch Probleme, die ich vorher nicht hatte.
Ich fange mal so an: vielleicht 10% meiner Freunde (oder lass es 20% sein) wissen konkret etwas mit den Begriffen Social Network und Web2.0 anzufangen bzw. nutzen Dienste und Portale, die sich diesen neuen Lebensweisen zusprechen.

Dann ist da noch mein Kopf. Er stellt meine persönliche Vernetzungszentrale dar. Er vernetzt mich mit meinen Freunden (webx.0-Usern), vernetzt mich mit meinem Computer, Handy, PDA und vernetzt mich mit den neuen Social Networks.

Damit ich Angebote wie twitter, Xing, Wikipedia oder Qype nutzen kann, muss ich mir natürlich ein Bild von einem Dienst machen, muss dessen Vorteile und Nutzen in meinem Kopf abspeichern und anschließend in meinen Alltag transferieren. Nun kann ich an gegebener Stelle darauf zurückgreifen und die Angebote nutzen. Genau hier liegt das Problem. Es gibt für jeden erdenklichen Furz mittlerweile vier verschiedene Plattformen, über die ich mich mit anderen Usern im Netz austauschen kann. Täglich erscheinen neue und melde ich mich mal nicht gleich an, so habe ich in der Szene „unglaublich was verpasst!“ bzw. den Nutzen „noch nicht erkannt“.

Die anfängliche Euphorie gegenüber neuartiger web2.0-Angebote ist bei mir mittlerweile stark eingeschränkt. Man könnte auch von einer Art gesättigter Lösung in meinem Kopf sprechen. So, als würde ich immer mehr, immer mehr AJAX in einen Eimer mit Wasser schütten. Irgendwann ist halt Schluss.
Der Aufschwung der vergangenen Monate, den wir hier in Deutschland verspüren ist unter anderen durch ein neues Qualitätsbewusstsein entstanden, welches die Menschen an den Tag gelegt haben und welches sie angespornt hat, wieder Produkte aus eigener Herstellung wertzuschätzen. Geiz ist nicht mehr geil und der Blick für’s Wesentliche hat uns wieder nach vorn gebracht. Ganz so wird es im neuartigen Web auch sein. Gewinner werden diejenigen sein, die den Blick fürs Wesentliche wahren. Meiner Meinung nach werden das all die sein, die in der Lage sind nur die web2.0-Trends mitzumachen, die wirklich Substanz und Zukunft haben und diejenigen, die es schaffen ihre Netzwerke im Kopf aufrecht zu erhalten und ihr Wissensschatz nicht komplett in irgendwelche Plattformen „outzusourcen“. Welche Netzwerke Substanz haben, wird sich zeigen. Hellsehen kann ich nicht.

Ich stimme für den Mut, nicht jeden Trend, jedes neue Portal zu nutzen ohne die Sorge zu haben, unglaublich was zu verpassen und widme mich lieber häufiger den „restlichen“ 80% meiner Freunde. Zum Beispiel auf ein gemütliches Feierabendbierchen ohne Computer, ohne WLAN, ohne Webcam und trotzdem mit Network.

Das Projekt habe ich übrigens abgelehnt.

written by BRANDUNGSKIEKER

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11 Kommentare zu “web2.0 overkill”


  1. 1 Nils

    Geiz war noch nie geil!

    Ansonsten: Sozial Network-Dienste sind nett, aber man muss wirklich nicht jede neue Applikation mitnehmen. Ich finde z.B. Twitter eine nette Spielerei, aber total überflüssig. Das nur mal am Rand…

  2. 2 foetoid

    ICh stimme dir da voll und ganz zu. Twitter ist schom ein wenig sinnfrei, aber man nutzt es trotzdem

  3. 3 insk

    wahre worte. die ganzen web20 portale vermehren sich mittlerweile wie meerschweinchen oder hamster es tun. ueberproportional ;)

    bin zwar normalerweise auch jemand, der sich ueberall mal registriert um sich den “spass” genauer anzusehen, aber letztendlich duempelt der user-account dann vor sich hin, weil das portal doch nicht so der brueller war, wie ich zuerst dachte!

  4. 4 Beamer

    Als ich weiß nicht wenn ich meine Freunde oder bekante frage ob die was von Web 2.0 oder blogs wissen. Kommt die antwort ne was ist das den ?

    Jetzt frag ich mich warum reden den so viele davon wen nur sehr wenige davon wissen?

  5. 5 Thommy

    Es reden nicht sehr viele davon, genauer gesagt sind es immer die gleichen, die einen in eine der vielen Web2.0-Blasen ziehen wollen. Mir persönlich wird das langsam zu dumm, ich warte noch immer auf die ultimative Lösung :-D

  6. 6 Lennard

    Ich glaube, dass sich das Web 2.0 ähnlich wie ein Markt unter Wettbewerbsbedingungen selbst regelt.

    Zuerst drängen viele Anbieter auf den Markt, von denen aber nicht alle erfolgreich sind. Die, die sich durchsetzen können, haben überzeugende Produkte; die anderen sind vielleicht nur Nachahmer und wollen auch ein Stück des Kuchens.

    Genauso sieht es im Web 2.0 aus. Es gibt tolle neue Konzepte, die viele Benutzer anziehen, Nachahmer, die eben nachahmen, und natürlich Erfinder, deren Ideen aber nicht ankommen. Manche Dienste oder Social Network sind unheimlich erfolgreich, andere werden nach kurzer Erfolglosigkeit aufgegeben. Zwar kommen ständig neue hinzu, die aber nicht zwangsläufig alle erfolgreich sein müssen. Auf lange Sicht wird sich der Erfolg der Web-2.0-Player einpendeln, denn die Benutzer haben nur ein begrenztes Budget, in diesem Beispiel Zeit, welches sie auf dem Markt ausgegeben können.

  7. 7 seboeh

    uff :cry: – mir geht es genauso. Ich habe nun 6 Stunden alle möglichen Web 2.0 Sites begutachtet. Und muß sagen mir reicht es vollkommen. Mein Kopf platzt.

    Der Artikel war super passend :!:

    Trotzdem:
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    Grüße, enjoy the sun – seboeh

  8. 8 Mike

    So ist das nun halt mal mit dem Thema Innovation: “Ich glaube, dass es auf der Welt einen Bedarf von vielleicht fünf Computern geben wird.” Diese Technologieprognose wird Thomas J. Watson zugeschrieben, Chef eines Unternehmens das mit Lochkartensortiermaschinen sowie der Herstellung und Verkauf von Lochkarten sehr erfolreich ist. Ja genau, IBM ;-)

    Und genau das passiert gerade wieder mit Prognosen was Web 2.0 angeht. Wir haben aber in der Zwischenzeit gelernt, dass es auf den Nutzer und seine Akzeptanz ankommt. Und Akzeptanz bedeutet, das Potential einer Technologie zu nutzen. Viele Web 2.0-Anwendungen sind aus dieser Sicht längst breit akzeptiert, auch wenn viele aus der alten IT-Welt noch mit Verwunderung, Sinn- und Wertediskussionen auf die Web 2.0-Welt schauen.

    Ich stimme da voll zu. Der Markt wird es regeln und eine Diskussion um Sinn und Werte kann nie schaden. Vieles was heute passiert werden wir in 5 Jahren mit einem mitleidvollen Lächeln betrachten. Aber sollten wir nicht positiver damit umgehen dass so viele Menschen neue Ideen ausprobieren wollen und auch noch gleich noch bei den potentiellen Nutzern auf den Prüfstand stellen? Vieles was im Web 2.0-Umfeld passiert sind “disruptive” Innovationen, etablierte Geschäftsmodelle werden mit Web 2.0 zerstört und neue Strukturen bilden sich. Das ist mir aber allemal viel lieber als die Zeit in den Jahren 2000 – 2005 nach dem ersten Internet-Hype. Damals hatten ja nicht mal mehr Mütter in Indien ihren Töchtern zu einem Schwiegersohn aus der IT-Branche geraten.

  9. 9 Brandungskieker

    @Mike: Ich stimme Dir grundsätzlich zu. Auch ich bin Vertreter der Ansicht, lieber 10 von 100 Ideen umzusetzen, als eine von 10 Ideen. Die Quote wäre die gleiche…
    Nein, was mir nur sauer aufstößt, ist dieser übertriebene Hype um das web2.0, in dem Problemlösungen erfunden werden, wo wir doch die “Probleme” ohne sie gar nicht gehabt hätten. Ein Kommentar weiter oben beschreibt es recht treffend, dass twitter eigentlich recht sinnbefreit ist – und wir nutzen es trotzdem. Klar, es ist cool. Ich möchte mir aber einfach auch in der Social Network-Szene Gehör mit meiner Meinung schaffen, nicht jeden Schmu mitmachen zu müssen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil ich irgendetwas verpasst habe.

  1. 1 BRANDUNGSKIEKER
    Trackback am 29. Jul 2007 um 18:36
  2. 2 Hannes Mehring E-Portfolio & Projektblog » Blog Archive » web 2.0 overkill
    Pingback am 8. Jan 2008 um 10:18

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